Brandenburger Köpfe: Antje Rávic Strubel

von Johanna Vogtländer

Foto: Zaia Alexander
Foto: Zaia Alexander

Für Potsdam und Brandenburg hat sie sogar eine Gebrauchsanweisung geschrieben: Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, aufgewachsen in Ludwigsfelde. Vor zweieinhalb Jahren erschien dieser etwas andere Reiseführer durchs Land. Eine Liebeserklärung? Von wegen. Gleich im ersten Satz des Vorworts warnt die Autorin ihre Leser: „Machen Sie sich keine Illusionen. Ich bin kein Fan von Brandenburg. – Ich wurde hier geboren. Ich lebe hier. Das ist alles.“ Wer weiter las, hatte viel Freude am humorvollen Umgang mit gewohnten Sichtweisen, unabgegriffenen Wahrnehmungen und einer Sprache, die in poetischen Bildern erzählt, die Präzision eines Kameraauges hat und in eine unergründliche Tiefe stoßen kann. Antje Rávic Strubel ist viel in der Welt herumgekommen. Nach dem Abitur machte sie in Berlin eine Ausbildung zur Buchhändlerin, bevor sie an der Universität Potsdam und der New York University Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie studierte und 2001 ihr Studium abschloss. In New York arbeitete sie als Beleuchterin an einem Off-Off-Theater in Greenwich Village, das später zum Schauplatz ihres ersten Romans „Offene Blende“ wurde. Mit Erscheinen des Buches entschied sie sich für einen Autorinnamen; sie ergänzte ihren bürgerlichen Namen um den Namen Rávic, der eine Erfindung ist. Er bezeichnet eine weitere Identität, die ihrer Person während des Schreibens zukommt. Ihre Bücher „Unter Schnee“, „Fremd Gehen. Ein Nachtstück“, „Tupolew 134“ und „Vom Dorf. Abenteuergeschichten zum Fest“ wurden von der Kritik hochgelobt und mit Preisen geehrt. Würden wir alle Literaturpreise der Autorin aufzählen, brauchten wir viel Platz, den wir lieber dafür nutzen, nach ihrer heutigen Beziehung zu Brandenburg zu fragen. „Als gebürtige Potsdamerin weiß ich, was nötig ist, um Brandenburg zu lieben: ein Hang zur Romantik, die ihren Rausch in der Askese findet. Eine Vorliebe für Minimalismus. Keine Berührungsängste gegenüber pädagogischen Maßnahmen“, antwortet sie und es folgen diese Sätze, die Literatur sind: „Skates, ein Rad oder eine Draisine. Schilfgürtel, Maisfelder, die Kiefer. Kiefernduft. Lindenalleen, Katzenkopfpflaster, Störche. Oder: ein Kanu. Das Kremmener Luch, die Ruppiner Seenlandschaft, der Spreewald. Schon ist sie da, die Liebe zum berauschenden Grün. Mit einem Büffelbier vom Krongut Bornstedt zum Einstein-Turm in Potsdam zu pilgern, mit der Fähre von Bantikow aus über den Kyritzer Untersee zum Insellokal zu fahren, auf der Uferpromenade von Bad Saarow einen Weißwein zu trinken, auf einer Sanddüne im Wald der Märkischen Schweiz zu küssen und mich vom silbernen Parzival in Neuruppin blenden zu lassen, gehört zu meinen schönsten Brandenburg-Momenten. Solange ich mich nicht davon irritieren lasse, ständig belehrt zu werden. Die Belehrung ist allgegenwärtig. Jeder, von dem ich eine Leistung wünsche, ist zunächst mein Erzieher. Das könnte entmündigend sein, wenn Bäckerin oder Kellner zunächst mitteilen, was erlaubt ist und was nicht. Einen Stuhl vom Schatten in die Sonne zu rücken, könnte schon nicht mehr erlaubt sein. Dieser pädagogische Drive soll allerdings bloß der Orientierung dienen: Ich soll wissen, wie der Hase läuft. Und da man in Brandenburg der Sprache skeptisch gegenübersteht, ist das immerhin eine Form der Unterhaltung.“ Gerade erschienen ist das Buch von Antje Rávic Strubel „ Tage in die Nacht“, die Geschichte des jungen Erik, der sich in die scheinbar unergründliche Vogelforscherin Inez verliebt. Auch Potsdam ist Handlungsort des Romans.

www.antjestrubel.de | www.brandenburger-koepfe.de

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