Die Leidenschaft ist Mode!

Foto: Christiane Zinn

Die eine ist Brandenburgs bekannteste Modefachfrau, die sich seit fast 30 Jahren um Trends, Stil und Neuheiten kümmert und doch so viel mehr noch tut: Karin Genrich. Die gelernte Dekorateurin und Diplom-Pädagogin ist Präsidentin des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg und wurde für ihr fachliches und gesellschaftliches Engagement vielfach geehrt. Die Power-Frau ist Vizepräsidentin des Handelsverbands Deutschland e. V. (HDE) und die erste Frau überhaupt, die die Geschicke der Dachorganisation des deutschen Einzelhandels an der Spitze mitbestimmt. Die andere erstürmt die Höhen des Modebusiness geradezu. Voller Enthusiasmus und Ideen kreierte die Mode-Bloggerin Nadine Zechlin gemeinsam mit Geschäftspartnerin Sarah Domke ihr eigenes Geschäft und mit der jährlichen LadiesFashion Night in Potsdam ein eigenes Format. Wir trafen die beiden Modefachfrauen zum Gespräch, das sich um mehr drehte als eine Antwort auf die allzu bekannte Frage: Und was ziehe ich morgen an?

Frau Zechlin, was wollten Sie Frau Genrich schon immer einmal fragen? Wie man es schafft, so erfolgreich zu werden und zu bleiben. Noch bevor ich Karin zum ersten Mal traf, haben mir so viele unterschiedliche Menschen Gutes von ihr erzählt, dass ich total neugierig auf sie war. Mit den Modebällen entwarf und organisierte sie ein Brandenburger Veranstaltungsformat, an das sich heute nicht nur Modefans noch immer gern erinnern (1998 – 2005, Anm. d. Red.).

Frau Genrich, was wollten Sie Frau Zechlin schon immer einmal fragen? Als ich Nadine das erste Mal traf, fiel sie mir auf. Mein Gedanke: Da hat eine viel Modemut und zupackende Energie, sie bewegt was in Potsdam und Werder. Fragen möchte ich sie, wie sie sich ihre weitere Entwicklung vorstellt.

An beide: Die zweite POTSDAM NOW: ging Anfang Juli über den Laufsteg. Welche Eindrücke nahmen Sie mit? Nadine Zechlin: Ich finde, die Show mit internationaler Beteiligung und Glamour tut Potsdam gut. Was mich in der Umsetzung stört, sind die langen Pausen von 45 Minuten zwischen den Shows der einzelnen Designer und die recht hohen Eintrittspreise. Karin Genrich: Ich sehe das nicht so positiv, das Format bringt Potsdam zu wenig Nachhaltigkeit. Die Mode der vielen unbekannten Labels auf dem Laufsteg kann frau nicht in Potsdam kaufen. Nur Ulrike Carolina Simm, Marco Marcu, Stefanel und das Hutatelier maliné sind hier in der Region verankert. Ich denke, die sehr hohen Fördergelder wären für langfristige Projekte in der Potsdamer Innenstadt besser angelegt. Wenn Fördergelder fließen, muss das vielen guttun. Der Glamourfaktor bringt dem Einzelhandel der Stadt Potsdam zu wenig und für überregionale Medien ist POTSDAM NOW: nicht so interessant, wobei sich das Medienecho diesmal mehr mit dem Veranstalter als mit der Mode beschäftigte.

Da schwingt viel Liebe zu Potsdam mit. Karin Genrich: Ja natürlich. Potsdam verdient es, geliebt zu werden. Es ist die kleinere, hübschere Schwester von Berlin. Und diese schöne Stadt braucht mehr Leben in der City, die Aufenthaltsqualität der Gäste und der Potsdamer in der Innenstadt muss steigen. Ich denke da an mehr Blumen, vielleicht eine Möblierung, die zum Verweilen einlädt, größere Müllbehälter und insbesondere kleine, feine, regelmäßige Veranstaltungsformate.

Ist Potsdam eine Modestadt? Nadine Zechlin: Ja. Natürlich ist Potsdam keine Modemetropole wie Mailand oder Paris. Aber es gibt viele modebewusste Frauen, dabei auch jede Menge Damen in der Generation 40+. Karin Genrich: Ich sehe Potsdam nicht als Modestadt. Deutsche Modemetropolen sind für mich Düsseldorf, Hamburg, München und Berlin. Aber das Modebewusstsein unserer Potsdamerinnen hat sich in den letzten Jahren geändert: Sie sind modeaffiner geworden. Diese Entwicklung wäre noch stärker, wenn die Stadt mehr hochklassige Modefachgeschäfte hätte. Allerdings verhindern die enorm hohen Ladenmieten in der Innenstadt unternehmerische Entscheidungen, hier ein Modefachgeschäft im gehobenen Genre zu etablieren.

Frau Genrich, Sie haben sich ihr ganzes Berufsleben mit Mode beschäftigt. Wächst nicht ab und zu der Eindruck: Alles ist schon mal da gewesen? Karin Genrich: Wie sagt das Sprichwort so schön: „Es geht auf und es geht nieder und alles kommt mal wieder.“ Und tatsächlich gibt es in der Mode nichts, was ich nicht schon mal gesehen hätte. Dennoch freue ich mich in jeder Saison auf die neuen Kollektionen und bin sehr gespannt darauf. Es ändern sich in der Mode immer wieder Details, also andere Schnitte, Materialien und abgewandelte Styles. Was mir bei jeder Kollektion wichtig ist: Die Passform muss stimmen. Viele sehr junge Designer/innen ignorieren die Gegebenheit, dass sich die Figur von Frauen im Laufe ihres Lebens verändert. Wespentaille adé. Ich habe diese Erfahrungen aus der Praxis oft schon an die Hersteller und den Handel weitergegeben. Sehr bedenklich finde ich, dass Mode immer schneller wird und zu Fast-Food-Mode mit einem Verfallsdatum wie Obst und Gemüse verkommt. Die Frage: „Willst du immer nur das Schnelle?“ verneine ich rigoros. Schöne Kleidung darf nicht nur eine Saison tragbar sein. Ich bekenne mich zur Nachhaltigkeit – das sind wir auch unserer Umwelt schuldig.

Wie sagen Sie einer Kundin, wenn sie sich für ein Kleidungsstück entscheidet, das partout nicht zu ihr passt? Nadine Zechlin: Ich möchte, dass sich jede Frau bei ihrem Modeeinkauf wohlfühlt. Dann entsteht beinahe automatisch eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der ich mit dem nötigen Takt- und Feingefühl auch sagen kann, dass das gewählte Kleidungsstück nicht das Ideale ist. Manchmal betrifft es die gewählte Größe, manchmal den persönlichen Stil. Aber dafür geht eine Frau ja in ein Modefachgeschäft. Karin Genrich: Wir haben im Geschäft Spiegel, in denen die Kundin auch ihre Rückseite betrachten kann. Das ist eine Perspektive, die sie nicht oft hat. Uns ist sehr wichtig, dass wir die Kundin auf die Reise zu einer neuen Kleidergröße, anderen Farben oder einem abgewandelten Stil mitnehmen. Dem Vertrauen, das sie uns entgegenbringt, möchten wir in jedem Fall gerecht werden, das ist Teil unseres Erfolgsrezepts. Nadine Zechlin: Wenn ich in ein Modefachgeschäft komme und die Verkäuferin fragt mich stereotyp: „Kann ich ihnen helfen?“, dann weiß ich schon, dass sie keinen Blick für meinen Typ hat. Karin Genrich: Kundinnen müssen erst mal ankommen im Geschäft, den Alltag und Stress abschütteln, sich fallen lassen, Zeit für sich finden – dann können wir über Mode und Stil sprechen.

Was ist für Sie Stil? Nadine Zechlin: Stil steckt in dir drin. Es ist die Mischung aus Persönlichkeit, Reife und Ausstrahlung. Karin Genrich: Stil kann man auch lernen. Letztendlich heißt Stil, zu sich selbst zu finden. Gerade in den letzten Jahren sind viele Krusten in der Mode aufgebrochen. Das zeigt sich besonders prägnant in der Businessmode für die Damen. Lässigkeit siegte über Konventionen. Wer eben kein Kostüm mag, muss es nicht anziehen. Die Mädels haben sich freigeschwommen und zu ihrer Identität gerade auch in den Führungsetagen der Wirtschaft gefunden. Stil ist sehr persönlich, dem kommt die Entwicklung, sich typgerecht zu kleiden, sehr entgegen. Frau geht ihren Weg! Nadine Zechlin: Mir ist egal, wenn Menschen mich anstarren, weil ich zerrissene Jeans oder einen Hut trage. Ich lebe hier und jetzt und ich habe meinen Stil. Vielleicht schauen mich die Leute auch nur an, weil sie sich inspirieren lassen wollen. Ich mixe gern traditionelle Kleidungsstücke mit flippigen – Tradition ist etwas sehr Wichtiges.

Was waren denn Ihre größten Modesünden? Nadine Zechlin: Das hat immer zur jeweiligen Zeit gepasst, also auch die Plateauschuhe und die Felljacken. Na gut, der Leopardenprint – Leopardenshirts und Leopardenleggings, dazu eine dicke blonde Strähne – lassen wir‘s lieber … Karin Genrich: Ich habe immer versucht, Extreme zu vermeiden, so nach dem Motto: gefallen ohne aufzufallen. Natürlich habe ich mich mittlerweile von bestimmten Mustern und Farben verabschiedet. Wenn da irgendwann eine Modesünde war, habe ich sie mir nicht als eine solche gemerkt.

Gibt es in Brandenburg Designer, deren Weg Sie aufmerksam verfolgen? Nadine Zechlin: Ja, das sind für mich Ulrike Carolina Simm und Marco Mercu. Karin Genrich: Mit Ulrike Carolina Simm habe ich eine ihrer ersten Modenschauen – bei einer total verregneten – Potsdamer Erlebnisnacht gemacht. Ihren Weg begleite ich wie auch den von Anja Gockel. Ich freue mich, dass beide Designerinnen sich auf dem durchaus schwierigen Markt erfolgreich behaupten. Deutsche Designer haben es angesichts der billig produzierenden asiatischen Konkurrenz besonders schwer.

Zum Schluss bitte ein Insider-Tipp: Was ist in der kommenden Herbst/Winter-Saison angesagt? Karin Genrich: Endlich sind mal wieder Mäntel gefragt – aus Wolle, gewebt, gewirkt. Dazu Kleider und Röcke. Ich bin gespannt, ob die neue Form des Hosenrocks, die in der Fachpresse hoch gelobte Culotte, sich durchsetzt. Die Farben sind eher gedeckt, u. a. Grün, Bordeaux und Karamelltöne, aber auch muntere farbige Muster sind dabei. Es gibt kein Modediktat für uns Frauen. Nadine Zechlin: Der klassische Trenchcoat feiert sein Comeback. Und nicht unterkriegen lässt sich Wildleder. Ich freue mich, weil in der Mode alles erlaubt ist!

von Brigitte Menge

www.karin-genrich.de

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