Geschichte atmen

Foto: Frank Suffert/TIVOLI ENTERTAINMENT

Denkmal links, Sehenswürdigkeit rechts. Potsdam hat mehr davon als andere Städte. Wir stellen in jeder Ausgabe ein Bauwerk mit Geschichte und Geschichten vor, das einen zweiten Blick verdient. Diesmal waren wir im Hotel am Großen Waisenhaus.

Mitten in der Potsdamer City und doch abseits der viel beschrittenen touristischen Pfade liegt das langgestreckte barocke Gebäude in preußischer Schlichtheit. Das denkmalgeschützte Haus in der Lindenstraße beherbergt heute ein komfortables Stadt-Hotel. Wer es betritt, fühlt schnell, dass es aus allen Poren Geschichte atmet, und wen das Woher und Warum interessiert, ist bei Hotelchef Dieter Dudeck an der richtigen Adresse. "

Hotelchef Dieter Dudeck

Der erfahrene Hotelmanager kam 2009 nach Potsdam, übernahm von der Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“ das Gebäude und begann zeitgleich mit der Sanierung, die Geschichte des unter Preußenkönig Friedrich II. errichteten Hauses zu recherchieren und zu dokumentieren. „Das Haus wurde 1753 vom holländischen Baumeister Jan Boumann für ‚beweibte‘, also verheiratete, Soldaten errichtet. Knapp 60 Jahre später erwarb es das ‚Große Potsdamer Waisenhaus‘, das es zum Kinderlazarett umbauen ließ“, erzählt Dieter Dudeck und zeigt auf die „Gesetztafel für die Zöglinge im Lazareth“ aus dem Jahr 1839 im feinsten Sütterlin, die im Foyer des Hotels hängt. „Das Leben der Zöglinge war streng geregelt. Zweimal in der Woche wurden sie gebadet, einmal wöchentlich gab’s frische Unterwäsche. Den Rasen hinter dem Haus durften sie nicht betreten“, berichtet der Hotelchef und zeigt auf Fotos mit schmalen Jungen in eisernen Bettgestellen, die ernst in die Kameralinse schauen. Ringsum finden sich viele Zeugnisse der rund 260-jährigen Geschichte des Hauses aus Papier, Holz und Stein. Dass sie erhalten wurden, ist dem Denkmalschutz zu danken, dass sie sich harmonisch in den Gesamteindruck einordnen, vor allem Dieter Dudeck. „Alles, was wir fanden und was noch aufzuarbeiten war, wurde verbaut“, erinnert sich der gebürtige Hesse. Er verweist auf die erhaltenen tragenden Wände, die historischen Türen und Fenster, den originalen dunkelroten Steinfußboden in einem Teil des Frühstückraums, Holzdielen aus märkischer Kiefer und Treppenstufen, über die seit 263 Jahren Menschen gehen: einst preußische Soldaten, die kleinen Patienten des Waisenhauses, Ärzte, Küchenfrauen und im 20. Jahrhundert dann auch „richtige“ Krankenschwestern, Patienten, Studenten, Redakteure, Obdachlose, Hotelgäste… Bis zum Jahr 1945 blieb das Haus in der Lindenstraße Krankenhaus, in dem noch bis zum letzten Kriegsjahr Waisenkinder lebten. Später war es Kinder- und Flüchtlingsheim, bevor die Redaktion der Brandenburgischen Neuesten Nachrichten, aus denen die PNN wurde, hier arbeitete. Mit deren Auszug im Jahr 1992 verschlechterte sich der Zustand des Hauses, das kurzzeitig Studentenwohnheim, Suppenküche und Obdachloseneinrichtung war.

Die Ehemaligen

Fotos: Hotel am Großen Waisenhaus

Besitzerin des Hauses ist nach wie vor die „Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam“. Seit seiner Eröffnung im April 2011 bietet das Hotel sozial benachteiligten Jugendlichen Ausbildungsmöglichkeiten. Gewinne, die das Haus erwirtschaftet, werden der Stiftung zugeführt. Diese Konstellation ließ dem Hotelchef von Beginn an viel Raum, die Spuren der Geschichte sichtbar zu machen. Schnell stieß er bei der Suche danach auf den „Ehemaligen-Verein“, in dem sich die einstigen Waisenkinder zusammengeschlossen haben. „Es sind über 150 ‚Ehemalige‘, deren Lebenswege bis in die USA und nach Australien führten“, berichtet Dieter Dudeck. Viele der Fotos stammen aus ihrem Besitz und natürlich all die gesammelten Geschichten über das alltägliche Leben der Waisenkinder. Einmal jährlich treffen sich die inzwischen hochbetagten „Ehemaligen“ im Hotel, das seine preußische Schlichtheit bewahrt hat. Schnickschnack, opulente Deko-Elemente und plüschige Teppiche fehlen komplett. Stattdessen klare Linien und an den Wänden Originale aus einem Kinder-Kunst-Wettbewerb. Die meisten der 34 individuellen Zimmer, „Quartiere“ genannt, bieten viel Platz. Besonders stolz ist Dieter Dudeck auf den neuen Wintergarten, den die Gäste zum Frühstück lieben und der inmitten der Stadt ein Tagungsraum ist, der den Blick auf Geschichte und zugleich in die Weite des Himmels freigibt – ein guter Start für Tage und Tagungen in Potsdam.

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