Ohne Mitte keine städtische Identität

Architektonischer Dreiklang: neues Stadtschloss, das Fachhochschul-Gebäude aus den 1970er Jahren und die Nikolaikirche aus dem 19. Jahrhundert

Potsdams Mitte hat viel zu bieten. Sie ist reich an Geschichte, reich an Kultur und reich an Kontroversen. Hier, an der Alten Fahrt, ließen sich im 10. Jahrhundert die alten Slawen nieder. Von hier aus entwickelte sich Potsdam zu einer lebendigen Stadt. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, belebt sich die städtische Mitte rund um den Alten Markt wieder neu.

Nikolaikirche mit Obelisk – Fotos: Annett ullrich

Das Areal zwischen Friedrich-Ebert- Straße, Schloßstraße, Am Alten Markt und Am Kanal gilt als die Neue Mitte Potsdams. Es handelt sich um ein Gebiet, das auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung von 1990 saniert und entwickelt wird, mit dem Ziel, die historische Gestalt der Mitte wiederzufinden. So sind in den letzten Jahrzehnten einige Gebäude abgerissen worden, bspw. der Theaterrohbau (1991) sowie das darauffolgende Theaterprovisorium (2007). Viele neue Gebäude mit unterschiedlichen Funktionen sind entstanden, und etliche Baupläne warten noch darauf, in den nächsten Jahren umgesetzt zu werden. Die Initialzündung für die Wiederherstellung der Mitte kam von Günther Jauch im Jahr 2002. Durch seine Spende konnte man das Fortunaportal, mit dem Friedrich I. anlässlich seiner Krönung 1701 das damalige Stadtschloss verschönern ließ, originalgetreu wiederaufbauen. Das frühbarocke Stadtschloss, das zur Zeit des Großen Kurfürsten 1674 fertiggestellt und auf den Grundmauern der alten slawischen Burg- und Siedlungsanlage errichtet worden war, ließ Friedrich II. umbauen. Sein Architekt Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff errichtete das neue Stadtschloss im Stil des friderizianischen Rokoko von 1744 bis 1752."

1945 fiel der gesamte Alte Markt der Bombennacht zum Opfer. Übrig blieben nur Ruinen. Nur drei markante Gebäude wurden bis 1989 wieder aufgebaut: zum einen die Nikolaikirche mit ihrer 77 Meter hohen Tambourkuppel, entstanden in den Jahren 1830 bis 1850 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel und seinem Schüler Ludwig Persius. Bis 1981 dauerten die Restaurierungsarbeiten an. Und zum anderen das Alte Rathaus sowie das Knobelsdorff-Haus, die 1966 als ein Gebäudekomplex feierlich wiedereröffnet wurden. Dagegen wurden die Ruinen von Schloss und Palastbauten am Havelufer weggesprengt und damit auch ein Stück städtischer Identität. Es entstand in der Potsdamer Mitte ein Platz der Beliebigkeit, eher eine Brache, genutzt für Demonstrationen, Parkmöglichkeiten und Weihnachtsmärkte.

Neue Uferpromenade

2005 beschloss der brandenburgische Landtag, ein neues Landtagsgebäude in den Um- und Aufrissen des historischen Potsdamer Stadtschlosses zu errichten. Die Bauarbeiten dazu begannen 2010. Drei Jahre später zog das brandenburgische Parlament in sein neues funktionales Gebäude ein, das in seinem Innern preußisch einfach in den Farben weiß und rot gehalten ist. Da, wo es möglich war, zitieren erhaltene Originalteile die Historie. Der Aufbau der Palazzi, entsprechend dem Leitbautenkonzept von 2010, direkt am Havelufer begann unmittelbar nach Fertigstellung des Landtages. Auch zu Zeiten von Friedrich II. entstanden die Palastbauten sukzessive nach der Fertigstellung des Stadtschlosses. Friedrich II. wünschte rund um das Stadtschloss passende repräsentative Bauten. So entstanden nach Vorbildern in Rom (Palais Barberini), Verona (Palazzo Pompei) und Vincenza (Palazzo Chiericati) Palastnachbildungen, die den ursprünglich dahinterliegenden einfachen Bürgerhäusern durch die prächtige Fassade ein neues Antlitz gaben. Der Alte Markt erhielt damals wie heute durch den Bau der Prachtbauten an der Südseite seinen geschlossenen Charakter. Außerdem brachten diese palastartigen Bauten Potsdam den Beinamen „Kleinvenedig“ ein, denn zahlreiche Cafés und Restaurants luden zum Verweilen ein. Eine Uferpromenade gab es damals jedoch nicht. Erst in den 1970er-Jahren wurde das Ufer urban gestaltet und im Sommer 2016 übergab der Sanierungsträger der Öffentlichkeit eine echte Flaniermeile an der Alten Fahrt.

Das Team der privaten Praxis für Physiotherapie von Aenne Lamprecht am Stadtschloss, im Palais Chiericati11

Zwei Plätze rahmen die neue Uferpromenade ein. Zum einen der bereits im Herbst 2015 fertiggestellte Otto-Braun-Platz, an dessen Fuß sich verschiedene gastronomische Einrichtungen etabliert haben, und zum anderen am östlichen Ende der Promenade, zur Brauerstraße gelegen, ein Gartenplatz, der erst noch fertiggestellt werden muss. Ein wichtiger Teil der Bauarbeiten zur Uferpromenade fand unter Wasser statt. Die Spundwand wurde komplett saniert. Dazu wurde nach der Munitionssuche hinter die bestehende Wand landseitig eine zweite Spundwand eingerammt. Der neue Spundwandkopf, der die alte und die neue Wand miteinander verbindet, ist als durchgängige Sitzfläche gestaltet und bietet viel Aufenthaltsqualität für die Besucher, mit Blick auf die neuen Palazzi und auf die Freundschaftsinsel.

Wer vom Otto-Braun-Platz in die Humboldt- Straße abbiegt, kann bereits erste Shoppinggelegenheiten auf sich wirken lassen. Beispielsweise finden sich im Palazzo Pompei sowohl ein Swarovski- Schmuckgeschäft als auch die Galerie Baake, die moderne Kunst, u. a. auch von Udo Lindenberg und Frank Zander, anbietet. Gleich neben dem Museum Barberini befindet sich in der Bel Etage des Palazzo Chiericati die neue private Physiotherapiepraxis von Aenne Lamprecht, mit direktem Blick auf das Stadtschloss. Neben den typischen physiotherapeutischen Behandlungen bietet die Praxis einige Spezialbehandlungen wie Faszienbehandlung (FDM), Osteopathie, manuelle Therapie und Behandlungen speziell für Kinder. Wer akute Schmerzen hat, bekommt noch am selben Tag einen Termin. Neu sind ebenfalls die Yoga- und Rückenkurse.

An der Westseite des Alten Marktes steht das ehemalige Instituts für Lehrerbildung aus den 1970er-Jahren, in dem noch zwei Fakultäten der Fachhochschule Potsdam untergebracht sind. Analog zum Mercure-Hotel gibt es bezüglich des Fortbestandes der Fachhochschule Befürworter und Gegner. Doch während sich das Zeitfenster für einen Abriss des Hotels zunächst geschlossen zu haben scheint, ist das Schicksal der Fachhochschule besiegelt. An ihrer Stelle entstehen auf den sog. Blöcken bzw. Bauabschnitten III und IV Wohnungen des freien und sozialen Wohnungsbaus sowie Gewerbeeinheiten auf dem historischen Stadtgrundriss. Auch der ehemalige Staudenhof mitsamt der Gebäudeeinheit wird als Block V neu bebaut werden. Die Potsdamer Wohnungsbaugenossenschaften, die städtische Pro Potsdam und private Bauherren haben ihr Interesse für die Übernahme von Baufeldern bekundet, die Vergabeverfahren laufen.

Ein weiterer Teil zur Wiedergewinnung der städtischen Mitte war der Aufbau der sanierten Ringerkolonnaden an alter Stelle zwischen Stadtschloss und Marstall, dem heutigen Filmmuseum. Auch der Obelisk, der 1753 bis 1755 von Knobelsdorff im Auftrag von Friedrich des Großen errichtet worden war, ist 2014 komplett saniert worden, da eindringendes Wasser der nahezu 20 Meter hohen Stele zusetzte.

Die neue alte Mitte: Den einen gilt sie als gekonnter Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, den anderen als die Zementierung des Ewiggestrigen. An der Neuen Mitte Potsdams scheiden sich die Geister. Ob die Neue Mitte es schaffen wird, irgendwann ein Punkt zu sein, der ausgleicht und vermittelt, wird die Zeit zeigen.

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