Wie gelingt ein Leben?

Steffen Schroeder

Foto: Anne Heinlein

Der Kommissar ermittelt den Mörder und verhaftet ihn. Abspann, Ende. Normalerweise. Doch da fängt die Geschichte der Begegnung von Steffen Schroeder mit Micha, dem Mörder, noch nicht einmal an. Der Schauspieler, der als Kriminalkommissar Tom Kowalksi seit 2012 in der ZDF-Serie SOKO Leipzig Mörder jagt, hat sein erstes Buch vorgelegt und stellt vielschichtig die Fragen nach Schuld, Schicksal und Verantwortung dem eigenen Leben gegenüber.

Eigentlich wollten wir über die Arbeit in der SOKO Leipzig, Film, Theater und Potsdam sprechen. Doch nach dem Lesen von „Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnung mit einem Mörder“ in Vorbereitung dieses Gesprächs drängt sich das Buch in den Vordergrund. Es stellt sehr prinzipielle Fragen: Wie gelingt ein Leben? Oder eben auch: Wie scheitert ein Leben?

Das ist in Ordnung, mich freut das natürlich.

Kindheit und Jugend prägen – das zeigt Ihr Buch eindrucksvoll. Was hat Sie geprägt?

Das ist eine schwierige Frage. Ich erlebte eine schöne Kindheit. In meiner Jugend kam dann eine schwierige Zeit. Heute mit dem Abstand der Jahre weiß ich, dass sich in dieser Phase die Dinge auch anders hätten entwickeln können. Das Nachdenken darüber hat mir später eine Tür geöffnet. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Boden ist.

Sie sind Botschafter des Weißen Rings, der Menschen hilft, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind. Mit Ihrem Buch haben Sie die Seiten gewechselt. Warum?

Als Seitenwechsel sehe ich das gar nicht, denn die beiden Felder Täter und Opfer haben ja viel mehr miteinander zu tun, als man oberflächlich denkt. Meine Arbeit als Vollzugshelfer sehe ich als eine Art von Opferschutz, denn wenn Menschen nach Jahren aus dem Knast kommen und wir nicht wollen, dass sie erneut zu Tätern werden, ist das Begleiten in die Freiheit die einzige Chance, sie zu integrieren. Ansonsten stehen sie oft mit einem Bein schon wieder im Knast. Ich habe in diesen vier Jahren Micha- Kontakt viele Täter kennengelernt. Eins haben die alle gemeinsam: Sie sind in ihrem früheren Leben selbst Opfer gewesen. Eine Frage, die mich dabei umtreibt: Wie kann man diesen Zusammenhang in der Präventionsarbeit nutzen, um Straftaten zu verhindern?

Was löste in Ihnen den Wunsch aus, Vollzugshelfer zu werden?

Ich moderierte ein Charity-Event und wollte das Honorar spenden. Bei den Überlegungen begann ich zu recherchieren, was es auf der Täterseite für Möglichkeiten gibt. So kontaktierte ich eine Straffälligen-Hilfe und wurde auf das Thema Vollzugshelfer aufmerksam.

Die Titelzeile des Buchs „Was alles in einem Menschen sein kann“ löst einen unmittelbaren Nachdenk-Impuls aus.

Wir – also der Verlag und ich – haben lange hin- und herüberlegt, bis wir den Titel fanden. Das Ergebnis trifft den Inhalt gut, denn viele Gespräche über das Buch drehen sich immer wieder um das Thema, was hinter Fassaden steckt. Mir haben die vier Jahre gezeigt, dass Menschen sehr viel mehr Seiten haben als die augenscheinliche.

Wie hat sich Ihre emotionale Beziehung zu Micha in diesen vier Jahren Bekanntschaft verändert?

Wir sind uns nähergekommen. Vertrauter, als es für das Verhältnis Häftling- Vollzugshelfer normalerweise gedacht ist. Aber das Leben spielte so, es sind Dinge geschehen, die man nicht beeinflussen kann. Ich habe das im Buch ausführlich beschrieben. So gab es den plötzlichen Tod von Michas bestem Freund in der JVA, Rico. Micha bat mich, eine würdevolle Beerdigung zu organisieren, was sich erst einmal als ziemlich schwierig erwies. Es war ein Erlebnis, das uns einander emotional näher brachte.

Hat sich an dieser Nähe irgendjemand gestört?

Nein, da dies alles innerhalb der gesetzlichen Regeln geschieht. Die Vorgaben sind streng. Natürlich ist Distanz in manchen Situationen ein Spagat. Jeder Vollzugshelfer bestimmt die Grenzen selbst. Es gibt Vollzugshelfer, die führen eine Brieffreundschaft, andere schaffen sehr private Beziehungen. Aber letztendlich sind soziale Bindungen eine wichtige Voraussetzung für die spätere gesellschaftliche Resozialisation.

Kennt Micha Ihr Buch?

Ja, natürlich. Noch bevor ich die erste Zeile schrieb, fragte ich ihn, ob er mit dem Buch einverstanden sei, denn in seinem Umfeld ist trotz Alias-Namen klar, wer die handelnde Person ist. Zugleich sagte ich von Beginn an, dass ich auch seine dunklen Seiten beschreiben muss, denn die Auseinandersetzung mit den brutalen Taten ist ein zentrales Thema des Buchs. Ich habe Micha alle Kapitel nach dem Schreiben im Gefängnis vorgelesen. Sein Einverständnis hält bis heute, was für ihn spricht, denn in dieser Umgebung ist es durchaus gefährlich, wenn man Empfindsamkeit zeigt.

Gehen wir jetzt zu einer anderen Seite von Ihnen: Kriminaloberkommissar Tom Kowalski ermittelt in Leipzig. Sie leben in Potsdam, pendeln also zwischen Lebens- und Drehort. Hand aufs Herz: Welche Stadt gefällt Ihnen mehr?

Das kann ich gar nicht so einfach beantworten. Ich wohne gern in Potsdam und mag Leipzig sehr. Die Leipziger sind sehr freundliche, angenehme Leute, und die Stadt hat sich in den letzten Jahren noch einmal weiterentwickelt. Ich habe eine kleine Wohnung im Leipziger Süden, der mich in vielem an den Prenzlauer Berg in meiner Berliner Zeit erinnert. In Potsdam bin ich fest verankert, weil meine Familie hier lebt.

Was macht für Sie die Potsdamer Lebensqualität aus?

Da ist viel zu nennen. Ich wohne unweit des Parks Sanssouci, wobei ich mit Wehmut an die Zeiten denke, wo man hier am frühen Morgen noch fast allein unterwegs war. Ich liebe die Parks der Stadt und die vielen Seen, an die ich mit dem Fahrrad fahren kann. Und natürlich schätze ich die Nähe zu Berlin – wenn ich Großstadt haben will, bin ich sehr schnell da.

Sie haben drei Kinder rund um das Eltern herausfordernde Pubertätsalter. Sind Sie ein strenger Vater?

So halb-halb. Gegenwärtig beobachte ich viele junge Eltern, die sich schwer damit tun, konsequent zu sein. Ich halte Konsequenz in der Erziehung für sehr wichtig, Kindern brauchen Grenzen. Insofern bin ich sicherlich streng, aber gleichzeitig sind die meisten Schauspieler ja große Kinder geblieben. Und so erwische ich mich manchmal, dass ich selbst Freude daran habe, wenn Regeln gebrochen werden, oder ich die Regeln breche. Ein Balanceakt – ich weiß … Ich bin vermutlich viel zu oft für jeden Unfug zu haben.

Grenzen setzen, heißt klare Regeln im Umgang miteinander.

Ja, die hat unsere Familie, und auf deren Einhaltung achten wir. Bei uns ist immer ziemlich viel los, und es sind sehr temperamentvolle Kinder, die sich austoben wollen und können. Aber es gibt immer Situationen, in denen sie wissen müssen, wie man sich benimmt.

Sie sind Autor eines viel beachteten Buches, Vater dreier Kinder, spielen Theater, sind ein viel beschäftigter Fernsehmensch und engagieren sich ehrenamtlich. Schreiben Sie demnächst ein Buch über Zeitmanagement?

Nee, das wäre mir von der Thematik her zu dröge. Da bin ich dann doch der Mensch für emotionalere Themen. Und so arbeite ich gerade an einem Thema, bei dem es um Emotionen geht – aber fiktiver Art.

Steffen Schroeder

Der 1974 in München geborene Schauspieler studierte an der Folkwang Hochschule in Essen und erhielt bereits in dieser Zeit erste Rollen im Fernsehen und im Kinofilm. Sein erstes Engagement führte ihn 1996 ans Schauspielhaus Wien und schon ein Jahr später stand er auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. 1999 folgte er Intendant Claus Peymann an das Berliner Ensemble, dessen festes Ensemblemitglied er bis 2001 war. Im Kino war er in Filmen wie „Der rote Baron“ und „Keinohrhasen“ zu sehen. Im Fernsehen überzeugte er in verschiedenen Filmen – darunter mehreren Tatort-Folgen – und Serien. Steffen Schroeder lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Ute Springer, und seinen drei Söhnen in Potsdam.

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