Keiner hat Nein gesagt … Im Weinberg von Zesch

Carsten Preuß auf der Terrasse seines Hauses. Hier entstand einst die Idee, den Weinbau in Zossen wiederzubeleben - Fotos: Eventpress, Sascha Radke

Die meisten Ideen entstehen wohl am Schreibtisch. Andere in Garagen, unter Apfelbäumen, im Café oder beim Laufen. Der Entschluss, in Zossen Wein anzubauen, fasste Carsten Preuß gemeinsam mit einer Handvoll Freunden Ende der 1990er-Jahre an einem lauen Sommerabend auf der Terrasse seines Hauses. Der Schlüsselsatz: „Wir machen so lange weiter, bis ein anderer Nein sagt.“ Es brauchte viel Enthusiasmus und noch mehr Arbeit, bis die ersten Reben reiften.

Die Trauben hängen in diesem 2018er Sommer dicht an den rund 1.500 Rebstöcken am Zescher Weinberg, rund einen halben Kilometer entfernt vom kleinen Ort Zesch, der zwei Seen mit kristallklarem Wasser, einen Märchen-Campingplatz, zwei Gaststätten, ein Eis-Café und ganz viel Natur hat. Der Weg zum Weinberg führt durch den Wald, der die Hitze des Sommers gespeichert hat. Wegweiser ist der Feuerwachturm, der auf der höchsten Erhebung der Gegend thront. Am Südhang reihen sich die Weinspaliere. Das ist kein zufälliger Standort, denn „schon im Mittelalter wurde hier Wein angebaut“, berichtet Carsten Preuß. Alte Karten, die die Besitzverhältnisse und die hauptsächliche Nutzung der Flächen dokumentieren, berichten davon. „Aus dem Jahr 1595 stammen die ersten schriftlichen Zeugnisse des Weinanbaus in Zesch. Doch schon im 12. Jahrhundert brachten Zisterziensermönche den Weinanbau nach Brandenburg“, so der 56-Jährige, der von Haus aus Landwirt ist. An seinen Berufsabschluss hängte er ein Studium an, das er als Diplom-Agraringenieur abschloss. Dennoch war alles rund um den Wein Neuland für Carsten Preuß – mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen."

Die Etiketten des Jahrgangs 2017 gestaltete der Maler Ronald Paris

Das begann schon am Morgen nach der Terrassennacht bei den ersten Recherchen: Rebrechte hatte Brandenburg nicht (mehr). Ohne Pflanzrecht kein Wein. Die Flächen in Zesch, auf denen einst die Reben ihre Wurzeln in die märkische Erde trieben, waren mit Wald bedeckt. Und der gehörte einem Grafen, der weit weg lebte. „Da waren wir einem Nein manchmal ganz nah“, erinnert sich Carsten Preuß. Aber das Nein kam nicht, dafür immer wieder Wege – manchmal auch Umwege –, handfeste Werkzeuge und der gemeinschaftliche Wille, den Plan zu verwirklichen. Ein wichtiger Schritt war die Gründung des Vereins zur Förderung des historischen Weinbaus in Zesch e. V. im Oktober 2010, dessen Vorsitzender Carsten Preuß ist. Im Verein arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen Berufen, was sich von Beginn an in Alltagssituationen als sehr praktisch erweist. Die Liebe zum Projekt vereint sie, und wer gemeinsam 3.000 Quadratmeter Wald gerodet hat, den verbindet mehr als eine Unterschrift auf einer Beitrittserklärung. Während der Renaturierung des alten Weinbergs entdeckten die Vereinsmitglieder auf dem und rund um das Terrain viele historische Details, so Überreste des alten Pressenhauses, dessen Fundament sie freilegten, und einige alte Rebstöcke, die erhalten wurden. Am südlichen Rand flankieren zwei uralte Esskastanien – die in unseren Breiten höchst selten sind – die einstige Zufahrt, am Fuße des Weinbergs ist heute noch eine Streuobstwiese. Wer ein paar Meter Richtung See durch den Wald läuft, stößt auf die Überreste des alten Weinkellers. „Für einen Erhalt fehlen uns die finanziellen Mittel, doch vielleicht schaffen wir es, das alte Gemäuer in ein Fledermausquartier umzufunktionieren“, überlegt Carsten Preuß, der seit 2004 Mitglied im Landesvorstand des BUND Brandenburg und seit 2016 als dessen ehrenamtlicher Vorsitzender arbeitet.

Die Etiketten des Jahrgangs 2017 gestaltete der Maler Ronald Paris

Im Jahr 2013 war es dann soweit: 1.500 Reben wurden in Reih und Glied am Weinberg in Zesch gesetzt. Seitdem gedeihen hier die roten Sorten Regent und Acolon, eine erfolgreiche Züchtung aus Lemberger und Dornfelder, die besonders pilzwiderstandsfähig ist, sowie Weißburgunder. 2015 gab es die erste Lese und die empirische Erkenntnis, dass Vögel auch Trauben lieben. Den Ausbau des Weins überlassen die Hobby-Winzer aus Zossen einem erfahrenen Weingut in Sachsen-Anhalt. Rund 1.000 Flaschen sind das Ergebnis, von denen ein Teil in die Keller und auf die Tische der Vereinsmitglieder kommt. Der Verein präsentiert sich, den Wein und die Geschichte des Weinanbaus in Brandenburg bei Festen in der Region sowie auf überregionalen Veranstaltungen wie der Grünen Woche und auch in der Zescher Gaststädte zur Traube am Dorfanger gibt’s den Weißen und Roten vom Weinberg nebenan. Für den als sehr gelungen beschriebenen 2017er Jahrgang entwarf der Maler und Grafiker Ronald Paris die Etiketten. „Ich hätte gern noch eine zweite Weißweinsorte“, verrät Carsten Preuß, der berichtet, dass im Land Brandenburg eine sehr lebendige und gut vernetzte Winzerszene entstanden ist und weiter wächst. Ein schönes Beispiel dafür ist die Route Brandenburger Weinkultur, die die Winzer zwischen Havelland und Lausitz entwickelten, um den Wein als heimisches Kulturgut noch bekannter zu machen. Auf rund 30 Hektar Brandenburg wird gegenwärtig Wein angebaut. In vielen Lagen lassen sich die Spuren lange zurückverfolgen, denn „Wein und Geschichte gehören zusammen“, gibt uns Carsten Preuß mit auf den Weg. Und gar nicht so selten kommen dann Geschichten dazu.

von Brigitte Menge

www.route-brandenburger-weinkultur.de

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