Wir arbeiten wie Maßschneider

Steffen Hartung (l.) und Dr. Miloš Stefanović - Foto: Bildhaus Potsdam

Die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Berlin-Brandenburg (MBG) feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Mehr als 700 Unternehmen in Berlin und Brandenburg wurden seit der Gründung unterstützt. Die Geschäftsführer Steffen Hartung und Dr. Miloš Stefanović über angenehme Begleitung, Digitalisierung im Beteiligungsgeschäft und darüber, dass Elbe-Elster nicht Neukölln ist.

Ihre MBG ist die einzige Zwei-Länder-Gesellschaft unter den MBGen in Deutschland. Welche Vor- oder welche Nachteile sehen Sie darin?

Stefanović: Das hat nur Vorteile. Wir sind eine große Gesellschaft, wir teilen uns einen Aufsichtsrat und einen Wirtschaftsprüfer. Und: Es ist doch viel schöner, 250 Beteiligungen zu halten, als nur 100. Hartung: Auch ich sehe fast nur Vorteile. Etwas aufwändiger wird es, weil wir mit zwei verschiedenen Rückgaranten arbeiten und weil es zum Teil unterschiedliche Förderziele in Berlin und Brandenburg gibt, was einzelne Branchen betrifft. Auf diese Unterschiede müssen wir Rücksicht nehmen.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es mit Blick auf Unternehmen und Umfeld?

Hartung: Mir fällt spontan die Größenordnung ein. Das Berliner Geschäft ist kleinteiliger. Unser Geschäft ist dadurch sehr differenziert. Trotzdem: Die Zwei-Länder-Kombination ist von Vorteil, denn sie schafft eine gesunde Mischung aus ländlichem Raum und Großstadt. Das ist für die Diversifizierung perfekt! Stefanović: Die Hightech- und Start-up- Szene sitzt in Berlin. Brandenburg hat mehr verarbeitendes Gewerbe, weil es hier noch Flächen für Fabriken gibt. Es gibt auch deutliche Unterschiede in der Beschaffenheit der Märkte. Das betrifft die Struktur des Handels, die Tourismusarten, das produzierende Gewerbe. Elbe-Elster ist eben anders als Neukölln.

Die MBGen gehören zu den aktivsten Beteiligungsgesellschaften in Deutschland. Wie erklären Sie sich die Attraktivität der MBGen?

Stefanović: Die „Aktivität“ bezieht sich auf die Stückzahl. Da machen wir mehr als die Hälfte aller Beteiligungen, die in Deutschland eingegangen werden. Das liegt daran, dass wir uns um den Mittelstand kümmern und Beteiligungen schon ab 10.000 Euro ausgeben. Andere Beteiligungsgesellschaften fangen erst bei ein paar Millionen Euro an. Hartung: Attraktiv macht uns auch, dass wir als Gesellschaft keinen gewinnmaximierenden Anspruch haben. Wir sind ein sehr angenehmer Gesellschafter. Im Vordergrund steht nicht der gewinnträchtige Exit.

Das Image der Heuschrecke war für Sie nie ein Thema?

Stefanović: Nein, wir sind eher ein freundlicher Begleiter. Schon weil wir stille Gesellschafter sind. Damit gibt es keinen Eingriff, der den Unternehmer stören könnte.

Digitalisierung ist das Trendwort schlechthin – was bedeutet sie für das Geschäft der MBG?

Hartung: Uns trifft es von beiden Seiten: In den Unternehmen gibt es Kapitalbedarf für die Digitalisierung, der bedient werden muss. Wir als MBG treten als Investor auf, der Digitalisierung befördern kann. Für uns selbst geht es um neue Vertriebskanäle, darum, multimedial wahrnehmbar zu werden und z. B. über Online-Plattformen Bedarfe zu bedienen.

Welche Entwicklungen gibt es da bereits?

Hartung: Wir planen zusammen mit den Bürgschaftsbanken ein eigenes Portal, mit dem Thema Beteiligung als eigenen Finanzierungsbaustein. Das wird den Absatzweg durchaus verändern.

Werden Verhandlung und Bearbeitung sich verändern?

Stefanović: Ob Sie mit dem Fahrrad, der U-Bahn, dem Hubschrauber oder übers Internet zu uns kommen, ist egal. Letztlich werden wir hier sitzen und reden. So ist es im Beteiligungsgeschäft immer. Hartung: Wir haben einen Unternehmer, der auf Videosysteme spezialisiert ist. Der sagt uns immer, dass es trotz perfekter Technik etwas anderes ist, sich gegenüberzusitzen und miteinander zu interagieren, als sich nur per Videokonferenz zu treffen.

Die Art der Objekte, in die investiert werden soll/muss, verändert sich mit der Digitalisierung. Stoßen die Finanzierungsangebote der MBG hier an Grenzen?

Stefanović: Beteiligungen orientieren sich nicht an materiellen Sicherheiten, sondern ausschließlich an der Entwicklung bzw. geplanten Entwicklung des Unternehmens. Da macht es für uns keinen Unterschied, ob es um Software, Daten oder „Greifbares“ wie Maschinen oder Gebäude geht. Hartung: Es ist immer schwer ohne Referenzobjekte. Man muss Fantasie entwickeln, aber das mussten wir immer schon. Gerade in Bereichen, wo Werte schwer in Zahlen darstellbar sind, ist die Beteiligung eine interessante Sache. Ich denke sogar, es wird eine höhere Resonanz auf Beteiligungen geben, als bisher vermutet.

Die Finanzierungslandschaft verändert sich rapide mit Crowdfunding und Fin- Tech-Anbietern. Welche Herausforderungen sehen Sie?

Stefanović: Das sind moderne Mitbewerber. Die machen etwas Ähnliches, sind aber deutlich komplexer und aufwändiger. Hartung: Ich hätte den Finanzierungen durch die „Crowd“ ein sehr viel dynamischeres Wachstum unterstellt, denn die Idee ist bestechend. So einfach ist es aber dann doch nicht. Die Bedingungen für Unternehmer und Crowd sind teilweise sehr undurchsichtig. Für Unternehmer ist es wichtig, Investoren an Bord zu haben, die langfristig interessiert sind. Wir sind eine sehr faire Beteiligungsgesellschaft. Deshalb glaube ich, dass die Bedeutung von MBGen in den nächsten Jahren wachsen wird.

Unternehmen müssen für die Digitalisierung erheblich investieren. Behindern Sie Ihre aktuellen Rahmenbedingungen?

Stefanović: Wir können jede Art der Investition finanzieren, sogar Betriebsmittel. Da sind wir nicht eingeschränkt. Investitionen bis zu einer Millionen Euro sind unser tägliches Brot. Und das ist ja nur ein Teil der Finanzierung. Niemand finanziert zu 100 Prozent mit Eigenkapital. Die gesetzten Rahmenbedingungen reichen vollkommen aus, denn wir bedienen den Mittelstand und sorgen dafür, dass der seine Expansion auch im Digitalisierungszeitalter bewältigen kann.

Die Unternehmergeneration verändert sich stark. Wie sprechen Sie heute Ihre Kunden an und wie wird das in Zukunft geschehen?

Stefanović: Keiner unserer Kunden sucht zuvorderst eine Beteiligungsgesellschaft; er sucht eine Finanzierung. Dann erfährt er, dass Eigenkapital dazugehört. Hat er selbst nicht genug, wird er auf die Idee gebracht, es sich von außen zu holen. Wir sind also auch in Zukunft stark auf Multiplikatoren angewiesen. Hartung: Man kann uns nicht kaufen, wenn man uns nicht kennt. Wir müssen über neue Wege der Ansprache nachdenken, über Instagram, YouTube etc. Teilweise nutzen wir diese Kanäle schon, aber noch nicht effizient und koordiniert genug. Wenn es irgendwann als hip gilt, eine Beteiligung zu haben, wäre das cool. Ich denke an Jägermeister – früher Schnaps für ältere Herren, heute Kultgetränk. Das brauchen wir für eine Marke „MBG-Beteiligung“. Das ist nicht außerhalb des Vorstellungsraumes.

Wenn Sie auf das Erreichte schauen, was wünschen Sie sich für die nächsten 25 Jahre?

Stefanović: Mehr Verständnis für Eigenkapitalnutzung. In den angelsächsischen Ländern ist das Thema jedem klar, weil dort das Rating sehr stark von der Eigenkapitalquote abhängt. In Deutschland fragt jeder, was kostet es, keiner fragt, was bringt es. Hartung: Wünschenswert wäre, wenn auch die öffentliche Hand stärker erkennt, welch ein fantastisches Mittel zur Unterstützung des Mittelstandes sie hier an der Hand hat. MBG-Beteiligungen sind ein hocheffizientes Instrument, nicht nur in wirtschaftlich schlechten Zeiten.

von Rico Bigelmann

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