Ein guter Ort

Während des 9. Brandenburgischen Hospiztages am 13. Oktober 2018 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) - Fotos: LAG Hospiz Brandenburg

Sterben ist ein Lebensthema. Und jeder wünscht sich in dieser finalen Lebensphase eine respekt- und liebevolle Begleitung. Die Wünsche und Bedürfnisse der Sterbenden und ihrer Angehörigen stehen im Mittelpunkt der Hospizarbeit.

Im Mittelalter wurden sie als christliche Herbergen geführt, die Pilger, Bedürftige, Fremde und Kranke aufnahmen; Mitte des 20. Jahrhunderts schuf die Engländerin Cicely Saunders das erste moderne Hospiz, das Sterbenden einen Ort gab, umsorgt und mit Würde aus dem Leben zu gehen. „In Brandenburg ist das Entstehen der Hospize untrennbar verbunden mit der Arbeit von Schwester Ruth Sommermeyer, Diakonisse und Altoberin im Kloster Lehnin, die viele Jahre schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen begleitete und die Bedingungen zur Entstehung der Hospize im Land maßgeblich prägte“, berichtet Christian Schirmer, Gründungsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Hospiz Brandenburg e. V. und Palliative Care Pflegefachkraft in der ambulanten Kinderkrankenpflege. Ruth Sommermeyer gehörte zu den Initiatoren für die Gründung der LAG Hospiz Brandenburg e. V., die sich im Jahr 2000 zusammenfand. Gegenwärtig sind hier 35 Mitglieder organisiert: 25 ambulante Hospizdienste, sieben stationäre Hospize und sechs ambulante Kinderhospizdienste. „Im Mittelpunkt der Hospizarbeit stehen der sterbende Mensch und die ihm Nahestehenden. Sie benötigen gleichermaßen Aufmerksamkeit, Fürsorge und Wahrhaftigkeit. Die Hospizarbeit richtet sich nach den Bedürfnissen, Wünschen und Rechten der Sterbenden, ihrer Angehörigen und Freunde“, erklärt die Präambel das Ziel der Arbeitsgemeinschaft.

Renate Schwarz, Vorstandsvorsitzende, Leiterin eines stationären Hospizes; Angela Schmidt-Gieraths, stellvertretende Vorsitzende der LAG Hospiz Brandenburg und Leiterin eines ambulanten Hospizdienstes; Christian Schirmer, Gründungsmitglied der LAG Hospiz, Pflegefachkraft in der ambulanten Kinderkrankenpflege und Diana Enke, Soziologin, ehrenamtliche Sterbebegleiterin und Mitglied im Vorstand der LAG Hospiz

Die Soziologin Diana Enke, ehrenamtliche Sterbebegleiterin, Mitglied im Vorstand und seit 2018 einzige hauptamtliche Mitarbeiterin bei der LAG Hospiz, erklärt, wie viele Dimensionen das hat: „Wir sind ein Dachverband, der Erfahrungen und Kompetenz bündelt und das Lebensthema Sterben und Tod in die Gesellschaft trägt. Zugleich vertreten wir die Hospizarbeit in Brandenburg gegenüber Institutionen, Behörden, der Politik und natürlich den Kostenträgern. Hier sind wir gut vernetzter Ansprechpartner.“ Unter dem Dach der LAG gibt es Fachgespräche, Fortbildungen und verschiedene Veranstaltungen. So die Organisation des 9. Brandenburgischen Hospiztages, der am 13. Oktober 2018 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) stattfand. Er setzte sich mit dem Thema „Kunst und Tod“ auseinander. In jedem Jahr gibt es eine Brandenburgische Hospiz-Woche, „in der wir über die verschiedenen hospizlichen Angebote im Land informieren und dabei viele Gespräche führen“, berichtet Angela Schmidt-Gieraths, stellvertretende Vorsitzende der LAG Hospiz Brandenburg e. V. „Gerade dabei stelle ich immer wieder fest, dass sich in der Wahrnehmung der Hospiz- und Palliativarbeit viel verändert hat und auch die Bereitschaft, Sorgen, Ängste, Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren, keine Ausnahme mehr ist.“ Angela Schmidt-Gieraths ist Leiterin eines ambulanten Hospizdienstes im Landkreis Potsdam-Mittelmark und plädiert mit viel Herzenswärme für das Sterben zu Hause. „Ambulante Dienste stehen auch den Angehörigen zur Seite, vermitteln Sicherheit und helfen bei der Bewältigung dieser schwierigen Lebenssituation. Früher waren die Menschen vertraut mit dem Sterben in den eigenen Wänden, vertraut mit einem Sterbenden im Haus – das fehlt heute. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass das Sterben von Mutter oder Vater, Partnerin oder Partner in den eigenen vier Wänden die Familie stärkt. Es ist eine Chance“, so Angela Schmidt-Gieraths. Sie appelliert, dass sich Menschen mit ihrer Endlichkeit aus einandersetzen: „Dieses Vorbereitetsein ist etwas, was in Familien gelebt werden muss. Die Überforderung kommt in dem Moment, wenn niemand weiß, wie man mit einer Grenzsituation – beispielsweise der Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung – umgeht. Das ist keine Frage des christlichen Glaubens, sondern der Rituale in einer Familie oder der entsprechenden Lebensformen.“ Rund 80 Ehrenamtler unterstützen allein die Arbeit des ambulanten Hospizdienstes von Angela Schmidt-Gieraths in Potsdam-Mittelmark. Im ganzen Land engagieren sich über 1.500 Frauen und Männer ehrenamtlich in den verschiedenen Bereichen der Hospizarbeit. Ohne ihre Arbeit könnten die Bedingungen für ein würdevolles Sterben nicht geschaffen und erhalten werden. Dabei übernehmen die Ehrenamtler vielfältige Aufgaben: Sie begleiten Schwerstkranke und Sterbende sowie deren Angehörige, sind für sie da, spenden ihnen Zeit und Fürsorge. Auch die Arbeit in den Vorständen unterstützen Ehrenamtler. „Wir setzen auf die Verlässlichkeit und achten darauf, dass es möglichst nur eine Begleitung zeitgleich gibt und danach eine Pause“, berichtet Angela Schmidt- Gieraths. „Die Hauptamtlichen organisieren die Supervision, die Ausund Fortbildung und sorgen dafür, dass die Ehrenamtler Anerkennung und Stärkung bekommen.“

Über rund 120 Betten verfügen die in der LAG vereinten stationären Hospize Brandenburgs. „Hier haben sich die Ansprüche verändert“, schildert Christian Schirmer. „Viele erwarten berechtigterweise eine wohnortnahe Versorgung, damit die Familienangehörigen keine weiten Fahrwege haben.“ Dabei ist das Hospiz ein Ort des Lebens und des Sterbens, der sowohl eine professionelle palliative Versorgung als auch Wärme und Geborgenheit bietet. Mancher Mensch hat einen letzten Wunsch, andere möchten Dinge ordnen oder warten auf den letzten Besuch der Kinder oder Enkel. Es gibt Gemeinschaft und – aller Schwere zum Trotz – Lachen. „Man kann sich im Sterben noch mal ganz anders begegnen“, weiß Christian Schirmer. „Der Moment, dass ein Leben zu Ende ist, braucht Würdigung und Zeit“, ergänzt Angela Schmidt- Gieraths.

Wie aber verkraften Menschen den fast alltäglichen Umgang mit Sterben und Tod? „Unsere Arbeit fördert die Demut, gerade weil wir erleben, wie endlich das Leben ist. Dankbarkeit zu haben und das Leben zu genießen auch im Anbetracht von Grenzerfahrung erdet uns“, fasst Christian Schirmer zusammen.

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