Waldsieversdorf – wo der Rebell die Ruhe fand

Das Wahrzeichen von Waldsieversdorf, der Wasserturm - Foto: Waldsieversdorfer Kultur-, Ausstellungs- und Tourismuszentrum

Der Tipp der freundlichen Mitarbeiterin der Touristeninformation hätte besser nicht sein können: „Steigen Sie auf den ehemaligen Wasserturm. Von dort haben Sie einen großartigen Blick auf den Ort und die Märkische Schweiz“. Auf dem achteckigen denkmalgeschützten Wahrzeichen von Waldsieversdorf angekommen, offeriert die seen- und waldreiche Landschaft ihre herbstlichbunte Seite. Einfach nur schauen, tief durchatmen und die Ruhe spüren.

Das John-Heartfield-Haus in Waldsieversdorf – Fotos: Brigitte Menge

Errichten ließ den Turm Ferdinand Kindermann Ende des 19. Jahrhunderts. Der Berliner Fabrikant erkannte schon damals die landschaftlichen Reize der Region vor den Toren Berlins und kaufte die „Priestermühle“ mit der dazugehörigen Feldmark von 250 Morgen. Darauf gründete er 1895 die Villenkolonie Wüste-Sieversdorf, die bald vor allem wohlhabende Berliner in den Luftkur- und Erholungsort lockte. Noch heute stehen auf den Hügeln der Märkischen Schweiz prächtige Villen. „Wenn Sie vom Wasserturm aus zum Großen Däbersee laufen und dem ausgeschilderten Wanderweg um den See folgen, kommen Sie zum John-Heartfield-Haus“, hatte Simone Kraatz empfohlen. Sie leitet das Waldsieversdorfer Kultur-, Ausstellungs- und Tourismuszentrum – kurz und originell WaldKAuTZ – und hat für jeden der Gäste eine große Portion Informationen parat, damit der Besuch im staatlich anerkannten Erholungsort zum Erlebnis wird – Idylle und Ruhe gehören zur Grundausstattung. Abgeschiedenheit und Waldesruhe waren es auch, die den Künstler John Heartfield, der 1891 als Helmut Herzfeld in Berlin- Schmargendorf geboren wurde, zu Beginn der 1950er-Jahre nach Waldsieversdorf zogen. Der Anstoß kam vom Freund und Weggefährten Bertolt Brecht, der im benachbarten Buckow seit 1952 sein Sommerrefugium fernab von Berlin und doch erreichbar nah gefunden hatte (Das Brecht-Weigel-Haus in Buckow ist seit
1977 Gedenkstätte).

Brecht und Heartfield kannten sich seit Beginn der 1920er-Jahre durch die gemeinsame Arbeit am Deutschen Theater in Berlin, wo der Begründer der politischen Fotomontage mit seinen Bühnenbildern zum kongenialen Partner des Dramatikers wurde. „John Heartfield ist einer der bedeutendsten europäischen Künstler. Er arbeitet auf einem von ihm selbst erschaffenen Feld, der Fotomontage. Vermittels dieses neuen Kunstmittels übt er Gesellschaftskritik (…). Die Blätter dieses großen Satirikers (…) werden von vielen, darunter dem Verfasser dieser Zeilen, für klassisch gehalten“, lobte Brecht den Freund, der bis heute als Meister der Fotomontagetechnik unübertroffen ist. Heartfield – der sich von frühester Jugend an politisch engagierte und sich 1916 aus Protest gegen die antienglische Kriegspropaganda für den englischen Namen entschied – gründete schon 1917 mit seinem Bruder Wieland Herzfelde den Malik-Verlag, war Maler, Grafiker und Bühnenbildner in einem und entwickelte die Fotomontage zur Kunstgattung. Mit seiner Kunst verwischte er die Grenzen zwischen Kunst und Medien.

Im Sommerhaus des Künstlers

Als er nach Waldsieversdorf kam, war er nach dem Exil in Prag und London und den schwierigen politischen Wirren der Nachkriegszeit in Deutschlands Osten gesundheitlich schwer angeschlagen. Zwei Herzinfarkte zwangen ihn, die Arbeits- Taktzahl zu verringern. 1956 pachtete der Künstler das Waldgrundstück am Schwarzen Weg 12 und ließ darauf ein schlichtes und ästhetisches Holzhaus errichten. Das wurde fortan für ihn und seine Frau Gertrud (genannt Tutti) zum Rückzugs- und Erholungsort. Freilich nur in den warmen Monaten, denn im kaum gedämmten Holzhaus war es im Winter zu kalt. „Den Kamin, die großen Kastenfenster, die Vitrinenschränke und andere Möbelstücke ließ Heartfield von Handwerkern aus dem Ort und der Umgebung fertigen“, berichtet Astrid Landsmann, die seit zehn Jahren die Besucher durch Haus, Garten, Garage (die einige der bekanntesten Fotomontagen Heartfields zeigt) und ein kleines Gartenhaus führt. Hier erlebten die Enkel des Paares ihre Sommerabenteuer. Heute sind Zeichnungen und Kollagen von Kindern des Ortes zu sehen. Ihre Themen reichen vom Schutz der Natur über Pferdepflege und bis hin zu allerlei digitalem Spielzeug. „Ich würde gern weitaus mehr Projekte mit den Schulen in der Region umsetzen“, bekennt Astrid Landsmann, die auch Vorsitzende des Heartfield-Freundeskreises ist, der ehrenamtlich den Unterhalt des Hauses und die Veranstaltungen in der Erinnerungs- und Begegnungsstätte organisiert. Vor allem Lesungen und Buchvorstellungen, aber auch kleine Konzerte stehen auf dem Programm. Wie bekannt ist Heartfield, der Grafik, Fotografie, Buchkunst und Theater beeinflusste, heute noch? Astrid Landsmann verweist auf die vielen Besucher, die zwischen dem ersten Mai-Wochenende und Ende September kommen, und sie erzählt von einem Studenten, der ihr sein Tattoo auf dem Unterarm zeigte: Es war Heartfields von einem Bajonett aufgespießte Friedenstaube. Die Werke des Künstlers mit dem starken politischen Aussagen gegen Krieg und Aggression sind nicht nur angesichts vieler Entwicklungen in der Welt erstaunlich aktuell, sondern beschäftigen weiterhin die Forschung. Gleich mehrere Kunstbände erschienen in den letzten Jahren vor allem in Deutschland und Großbritannien. Zum Abschluss des Besuchs gibt es noch einen Leckerbissen: Über eine Holztreppe gelangt man auf die Dachterrasse des Sommerhauses. Von hier aus öffnet sich ein großartiger Blick auf den See, dessen Uferweg in wenigen Schritten erreichbar ist. Nach einer kurzen Wanderung vorbei an der Schutzhütte ist der Besucher wieder in der Mitte des Ortes angekommen.

Eines der jüngst in der Böhlau Verlag Gesellschaft erschienenen Bücher über John Heartfield

Waldsieversdorf hat in allen Zeiten Künstler angezogen. So lebte hier die Illustratorin Traudel Hoffmann, die ganz zauberhafte Naturbücher für Kinder schuf. Auch der Komponist Helmut Oehring findet hier die Ruhe zum Arbeiten. 1961 in Ost-Berlin als Kind gehörloser Eltern geboren, umfasst sein Werk heute rund 400 Stücke aller Genres, die in Konzertsälen und auf Bühnen in ganz Europa, Asien und Nordamerika aufgeführt werden. Bekannt wurde er durch die Musik zu Ruth Berghaus’ Inszenierungen von Werken Bertolt Brechts am Thalia Theater. Auch in der kalten Jahreszeit fällt der zweitgrößte Ort der Märkischen Schweiz nicht in einen kulturellen Winterschlaf. Dafür sorgen ein reges Vereinsleben und verschiedene Veranstaltungen, so das Winter-Seminar von Oktober bis März mit monatlich wechselnden Themen.

Waldsieversdorf ist ein schmucker Ort, sauber geputzt, mit hübschen Vorgärten und ansehnlichen Grundstücken. Aber wie das Leben so spielt: Einen Schandfleck gibt es trotzdem. Der ist sogar ziemlich groß und kann auf eine erzählenswerte Geschichte verweisen. Das ehemalige Sanatorium auf dem Höhenzug am Großen Däbersee inmitten eines großen Parks erinnert an ein Schloss oder Herrenhaus. Ferdinand Kindermann ließ auch diesen neoklassizistischen Prachtbau errichten. Das einstige „Haus in der Sonne“ war ein Geschenk für seine Tochter Margarete. Die so reich Beschenkte hatte einen Arzt aus Waldsieversdorf zum Manne, der fortan Chef des Hauses war. Zu den prominenten Patienten gehörten der Schriftsteller Hans Fallada, der Politiker und mutige Kriegsgegner Karl Liebknecht und der Architekt Julius Carl Raschdorff. Ende der 1930er-Jahre schloss das Haus seine Pforten. Danach wurde es unter anderem als Lazarett, durch die Rote Armee und zu DDR-Zeiten durch die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD) genutzt. Nach längerem Leerstand ist das Haus jetzt in Privatbesitz. „Den Garten haben sie mal angefangen aufzuräumen, aber mehr ist nicht passiert“, berichtet eine ältere Dame, die ihren Namen nicht gedruckt lesen möchte.

Erholung und Genuss unter alten Linden- und Obstbäumen: Café Tilia in Waldsieversdorf

Wer durch den Ort bummelt, wird zum Wandern geradezu animiert, denn überall weisen grüne Holzschilder Wege durch die Wälder der Märkischen Schweiz. Ein lohnendes Ziel liegt ganz nah: Café Tilia. Das ist der lateinische Name der Linden. Die wachsen wie Apfel- und Birnbäume im Garten. Wer es betritt, den empfangen eine anheimelnde Wohnzimmeratmosphäre und der Duft von frisch Gebackenem. Spätestens an der Kuchentheke schmelzen alle Vorsätze, nicht so viel Süßes zu essen, wie heiße Butter in der Pfanne. Das Nachgeben bereitet größtes Vergnügen, denn Kuchen und Torten sind handgemacht und verführerisch gut. „Ich backe, wie das schon meine Großmutter tat“, erzählt Inhaberin Karla Bahro mit einem ansteckend-fröhlichen Lachen und verschwindet gleich wieder in der Backstube. Wer es herzhafter mag, sollte im Alten Forsthaus an der Eberswalder Chaussee einkehren, das mit seiner Ersterwähnung im Jahr 1527 das wohl älteste Gasthaus der Märkischen Schweiz ist. Stefan Pröse serviert regionale Köstlichkeiten, vor allem die Wild- und Fischgerichte mit Kräutern aus dem eigenen Garten erweisen sich als gute Wahl. Das hat das Essen hier mit einem Besuch in Waldsieversdorf gemeinsam.

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