Der Philosoph, die Reisenden und die Kunst

Fotos: NH Hoteles, S.A. 2015 Madrid

Denkmal links, Sehenswürdigkeit rechts. Potsdam hat mehr davon als andere Städte. Wir stellen in jeder Ausgabe ein Bauwerk mit Geschichte und Geschichten vor, das einen zweiten Blick verdient. Diesmal waren wir zu Gast im NH Potsdam.

Hermes, Schutzgott aus der griechischen Sage mit vielerlei Verantwortungsbereichen und zudem Bote des Zeus, schaut mit tiefer Beharrlichkeit auf die Friedrich-Ebert-Straße herab, beobachtet die Menschen auf dem belebten Boulevard und verkörpert Stein gewordene Gelassenheit. Dabei gehört der schelmische Götterbote keineswegs zu den ersten Bewohnern der einstigen Nauener Straße 88. Als Friedrich II. die Häuserzeile errichten ließ, hatten die Häuser zwischen Junkerstraße (der heutigen Gutenbergstraße) und Nauener Tor nur zwei Etagen. Friedrich hatte das repräsentativste Gebäude dieses Straßenzugs mit der Hausnummer 88 eigentlich Voltaire zugedacht, aber als der Bau vollendet war, herrschte Zwist zwischen König und Gelehrtem. Quellen sprechen davon, dass der Schriftsteller und Philosoph nur ein einziges Mal das Haus besuchte, ehe er Potsdam verlassen musste. Doch das reichte, um das Image des Hauses nachhaltig zu prägen, denn der Namens-Schriftzug ist weithin zu lesen.

Das Haus wechselte mehrfach den Besitzer. Für Glanz sorgte Constantin Sartori, der hier 1790 seine „Fayence-Manufaktur“ errichtete und das barocke Typenhaus seiner vorindustriellen Produktion anpasste. Sartori war Unternehmer und ein begabter Stuckateur zugleich, der Spuren seines handwerklichen Könnens an und in Potsdamer Bürgerhäusern sowie an Friedrichs Bauten in Berlin und Potsdam hinterließ, hier in Sanssouci und im Belvedere. Nach 1800 wurde die Herstellung der Fayencen eingestellt. Rund 25 Jahre später wurde das barocke Typenhaus abgerissen und ein Neubau errichtet, der in der ersten Etage das bot, was man heute als „gehobene Ausstattung“ beschreiben würde: großzügige Zimmer, einen reich verzierten Balkon zur Straße und viele zierende Details. „Die historischen Quellen belegen, dass dieses Haus eine wechselvolle Geschichte erlebte und die meiste Zeit ein hochherrschaftliches Gebäude war“, berichtet Janina Bachmann-Graffunder, seit dem Jahr 2016 Chefin des NH Potsdam. Schon ihr Antrittsbesuch im 4-Sterne-Haus in Potsdams Mitte entfachte eine Liebe auf den ersten Blick: Der Anblick der hell leuchtenden historischen Fassade in ihrer barocken Pracht stachelte die Lust an, in die Geschichte des Hauses einzutauchen. Sie las alle Bücher, die sie rund um das Thema fand, recherchierte im Stadtarchiv und sprach mit Historikern. So erfuhr sie, dass Graf Albrecht von Brühl, Urenkel des berühmten sächsischen Staatsmannes, Mitte des 19. Jahrhunderts das Gebäude erwarb. Der adlige Herr prägte das Haus, das nun für lange Zeit Brühlsches Palais hieß.

Auch dann noch, als die Zeiten für kultursinnige Feste vorbei waren und mit dem Konservenfabrikanten Otto Liepe ein handfestes Gewerbe samt Arbeitshallen, Lager, Kesselhaus und Schornstein auf dem Hof einzog. In diesen Jahren erhielt das Haus seine dritte Etage und die typischen Merkmale der Gründerzeitarchitektur. Seitdem prangt Götterbote Hermes am Giebel. „Es ist erstaunlich, wie sehr ein einzelnes Gebäude die Geschichte der Stadt und der Epochen einfängt“, gibt die Hausherrin zu denken. Zu DDR-Zeiten war die Nummer 88 ein ganz normales Wohnhaus mit Baracken auf dem Hof.

„Im November 1993 wurde dann der Grundstein für das erste Hotelprojekt in Potsdam nach der Wiedervereinigung gelegt“, erzählt Janina Bachmann-Graffunder. Ein Haus, das sich zu seiner Historie bekennt und zugleich der Moderne öffnet. „Das strahlt erfreulich viel Harmonie aus“, urteilt die Hotelmanagerin. Der historische Teil des Hotels – über den der Denkmalschutz wacht – trägt den Namen Brühl-Palais- Flügel. Hier befinden sich 19 Zimmer und drei Suiten, die nach den Unterlagen aus dem 19. Jahrhundert originalgetreu errichtet wurden. „Jede der Suiten ist individuell in der Ausstattung. Unsere Gäste – vor allem natürlich die Stammgäste – schätzen die vielen historischen Ausstattungs- und Einrichtungsdetails wie die teilweise freigelegten Balken oder die Fenstergriffe, die sogar den Krieg überstanden.“ Geschichtsträchtigen Einzelheiten begegnen die Gäste auch im Innenhof, den Janina Bachmann-Graffunder für einen der schönsten in der ganzen Stadt hält, besonders im Sommer, wenn er zu einer grünen Insel der Ruhe wird. Gewarnt seinen nur die Damen in High-Heels, das Kopfsteinpflaster ist ein Killer hoher Absätze.

Janina Bachmann-Graffunder, die Chefin des NH Potsdam

Insgesamt 143 Zimmer bietet das NH Potsdam. Es herrscht ein gesunder Mix aus Geschäftsreisenden, Tagungsgästen und Touristen. Seit Janina Bachmann-Graffunder die Geschicke des Hauses lenkt, hat sich das 4-Sterne-Hotel mehr denn je als Kulturstandort profiliert. Die kultursinnige Historie und Werke von Elvira Bach, Dieter Hacker und Stefan Szszesny, die überall im Haus präsent sind, bestärkten sie von Beginn an in dieser Ausrichtung. Doch nicht alle Bilder des Hauses stammen von den drei bekannten zeitgenössischen Malern, die übrigens in der Endphase direkt vor Ort arbeiteten. Im November 1995 brachten Schülerinnen und Schüler der Potsdamer Voltaire-Schule ihre eigenen Bildgedanken auf Papier und Leinwand. „Rund 20 Schülerinnen und Schüler waren daran beteiligt. Die sind längst erwachsen. Ich würde sie gern noch einmal im Haus begrüßen“, überlegt Janina Bachmann-Graffunder, die eigene Veranstaltungsformate für das NH Potsdam entwickelt hat. Dazu gehören die regelmäßigen Lesungen, bei denen sie neben den Hotelgästen auch viele Potsdamerinnen und Potsdamer begrüßen kann. Beim jährlichen Tag der offenen Tür ist die Chefin selbstverständlich vor Ort, zeigt ihr Haus und berichtet von seiner Geschichte, zu der auch ein neues Kapitel hinzukam, denn es ist ein bücherfreundliches Hotel. Überall zwischen Lobby und den Zimmern finden Bücher ihren Platz. Und die Gäste nutzen die Möglichkeit zum Lesen reichlich. Den ständigen Nachschub hat die lesefreudige Hausherrin einfach und praktisch organisiert: Wer eine Kiste Bücher spendet, bekommt als Dankeschön eine Einladung zum Frühstück. „Voltaire hat viel geschrieben und gelesen, das lebt hier fort“, sagt Janina Bachmann-Graffunder mit einem Lächeln, denn in diesem Moment schaut sie in die Lobby, wo Gäste Wärme, Ruhe und Bücher am Kamin genießen.

www.nh-hotels.de/NH_Potsdam

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