Zu gut für die Tonne

Foto: TooGoodToGo

Das Mindesthaltbarkeitsdatum des Quarks ist abgelaufen, der Apfel hat braune Stellen und in einer Ecke des Kühlschranks träumt ein vergessener Käse vor sich hin. Ab in die Tonne? Ein Drittel der gesamten Nahrungsmittelproduktion wird weggeschmissen. Verschwendung findet in allen Etappen eines Produktes statt: beim Anbau, in der Industrie, im Handel und beim Verbraucher. Grund genug, Anregungen zu geben und Impulse zu setzen.

Jedes Jahr landen allein in Deutschland 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in der Mülltonne. Nicht nur private Haushalte, sondern vor allem Restaurants und Hotels mit All-you-can-eat-Buffets zählen zu den großen Wegwerf-Sündern. Doch es geht auch ganz anders, was die Hoflieferanten Berlin beweisen, die es ohne Brandenburg so gar nicht gäbe. Das einstige Sarah Wiener Catering wählte Ende 2018 den neuen assoziationsreichen Namen, der zum Ausdruck bringt, wofür das Unternehmen steht: die Verarbeitung von selbst hergestellten Produkten aus der Region zu Caterings, die von Beginn an glückliche (und damit satte) Gäste genauso im Blick haben wie Nachhaltigkeit."

Brot in Bio-Quailität aus Sarah Wieners Holzofenbäckerei – Foto: Beth Jennings Photography Berlin

„Das hat nichts mit Verzicht, Reglementierung oder Entsagung zu tun und macht sogar noch Spaß – den Gästen und uns“, berichtet Hoflieferanten- Geschäftsführer David Fuld. Anderes als bei den meisten Caterings, die Speisen in ihren heimischen Küchen vorbereiten und dann den Gästen vor Ort fertig offerieren, sind bei den Hoflieferanten die Köche vor Ort. An einzelnen Stationen bereiten sie die Gerichte frisch und ganz nach Bedarf und Nachfrage zu: Das Gemüse von Brandenburger Feldern wandert in die Pfannen und landet knackig-frisch und heiß auf den Tellern der Gäste, das Fleisch kommt aus dem biologischen Landwirtschaftsbetrieb Gut Kerkow am Rande der Uckermark, Brot und Brötchen in Bio-Qualität aus Sarah Wieners Holzofenbäckerei „Wiener Brot“. David Fuld verweist darauf, dass die Nachhaltigkeit von der Planung über die Logistik, die Produkte und den Umgang mit ihnen von vielen Kunden ausdrücklich gewünscht wird. „Brotreste wandern bei uns nicht in die Tonne, sondern gehen als Futter für die Schweine nach Kerkow zurück, wo auf über 800 Hektar 400 Tiere glücklich aufwachsen“, so der Hoflieferanten- Küchenchef Marek Erdmann, der stolz darauf ist, dass er die Produzenten der Erzeugnisse, die bei ihm in Töpfe und Pfannen kommen, alle persönlich kennt.

Aus Dänemark kommt eine Idee der digitalen Lebensmittelrettung, die inzwischen in ganz Deutschland Mitmacher findet. Im Land Brandenburg beteiligen sich gegenwärtig 19 Hotels und Restaurants, Tendenz steigend. Das Prinzip ist simpel: Über die Plattform https://toogoodtogo.de können gastronomische Betriebe jeder Art vergünstigt das Essen anbieten, das im Tagesgeschäft nicht verkauft werden konnte. Die Kunden laden die App kostenlos herunter, sehen, welche Geschäfte in ihrer Nähe Portionen anbieten, und kaufen gemütlich über die App. 900 Brandenburger nutzen dieses Konzept mittlerweile, 2.500 Mahlzeiten wurden so bisher gerettet.

Frisch auf die Teller: Das Team der Hoflieferanten vor Ort in Aktion – Foto: Steffen T. Sengebusch

Jeder Deutsche wirft jeder jährlich 82 Kilo Essen weg. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft sind fehlende Wertschätzung von Lebensmitteln, mangelndes Wissen über Lagerung, Einkaufsverhalten und mögliche Verwendbarkeit abgelaufener Lebensmittel die Gründe für das Wegwerfen von Lebensmitteln. Doch hier steckt eine gute Nachricht drin, denn wir haben es selbst in der Hand, dieser Art Vernichtungswahn ein Ende zu setzen.

Und hierfür ein paar Anregungen und Tipps:

Zu gut für die Tonne – unter diesem Slogan informiert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) darüber, wie sich Lebensmittelabfälle vermeiden lassen. Serviert werden kreative Kochideen für Übriggebliebenes, bereitgestellt unter anderem von Sterneköchen und anderen prominenten Kochpaten wie Sarah Wiener, Johann Lafer, Daniel Brühl sowie vielen Hobbyköchen. Das Ganze gibt es auch als kostenlose App. Die Recherche ist denkbar einfach. Es reicht, eine Zutat einzugeben, und ab geht die Suche. Die ist appetitanregend und kreativ, so beispielsweise: Aus Bratresten ein Drei-Sterne-Menü kochen. www.zugutfuerdietonne.de

Einkaufszettel schreiben: Er ist ein verlässlicher Begleiter im Angebotsdschungel, damit man den Überblick behält. Funktioniert auch auf dem Smartphone. Vorsicht vor Großpackungen und verlockenden Vorteilsangeboten.

Tatort Kühlschrank: Ältere Lebensmittel gehören nach vorn und damit in den Blickpunkt. Vermeiden Sie UFOs im Tiefkühlschrank (Unidentified Frozen Objects). Dagegen hilft Beschriftung.

Gut Kerkow in der Uckermark ist Lieferant für Fleisch und Wurst – Foto: Simone Hawlisch / Gut Kerkow

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum, sondern eine Empfehlung des Herstellers. Bis zum angegebenen Datum garantiert er die spezifischen Eigenschaften des Produkts wie Geschmack, Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert. Mit Ablauf des MHDs ist ein Lebensmittel also nicht automatisch schlecht. Vertrauen Sie Ihren Augen, Ihrer Nase und Ihrem Mund.

Achtung bei Produkten wie Hackfleisch, frischem Geflügel und Fisch: Ist hier das Verbrauchsdatum überschritten, gibt es leider nur noch eines: ab in die Tonne.

Schöne Feste ohne Reste: Lebensmittelrettung beginnt bei der Planung. Steht die Menüplanung der Party, kann man die exakten Mengen des Einzukaufenden ermitteln. Dabei muss nicht jeder Gast von jeder Speise satt werden können. Es kommt auf die richtige Gesamtmenge an. Dafür gibt’s den Partyplaner, der für‘s Schulfest, die Familienfeier oder die Einweihungsparty in wenigen Schritten die ideale Menge an Speisen errechnet: www.zugutfuerdietonne. de/praktische-helfer/partyplaner

Lebensmittel-Retter-Neueinsteigern empfiehlt sich ein Abfall-Tagebuch, das hilft, eigenes Einkaufs- und Verbrauchsverhalten zu analysieren.

Selbst wenn es paradox klingt: Wer saisonale und regionale Produkte häufig auf Märkten oder direkt beim Erzeuger kauft, bezahlt am Ende nicht mehr als beim Discounter. Bewusst eingekaufte kleine Mengen und gut verwertete Reste sparen. Hinzu kommen kürzere Transportwege, weniger Verpackung und etwas Unbezahlbares: ein gutes Gewissen.

In unserer Sommerausgabe nähern wir uns dem Thema von einer anderen Seite: Wir sind zu Gast im Lübzer Kunstspeicher und zeigen, was sich hinter Upcycling verbirgt.

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