Zwischen Metropole und Naturidyll

Oberhavel: eine starke Wirtschaft in einer Region mit viel Natur und Kultur. Schloss Oranienburg am Ufer der Havel - oto: TMB/Frank Liebke

Der Geburtstag des heutigen Landkreises Oberhavel ist der 6. Dezember 1993. Vater und Mutter waren die Kreise Gransee und Oranienburg und die Geburtswehen löste die Kreisreform aus. Namensgeber ist die Havel, die Erholungsraum, Lebensquell, geografische Klammer, Wirtschaftsfaktor und Wasserstraße zugleich ist. Ein Besuch im Landkreis, der heute eine der stärksten Wirtschaftsregionen in Ostdeutschland ist.

Seit der Gründung des Landkreises bewegt sich die Region zwischen nördlicher Landesgrenze Berlins und Mecklenburg-Vorpommern im Spannungsverhältnis von Großstadt und ländlicher Idylle, von hoch spezialisiertem Technologie- und Industriestandort und unberührter Natur, von geschichtsträchtiger Hinterlassenschaft und lebenswerter Heimat. Kreisstadt ist Oranienburg. Mit 1.798 Quadratkilometern ist der Landkreis flächenmäßig eher klein, dafür punktet er mit der Einwohnerzahl. Hier leben 211.216 Menschen (Stand: 30.11.2018). Damit ist er nach dem Landkreis Potsdam-Mittelmark der bevölkerungsreichste Brandenburgs. Und weil wir bei den Zahlen sind: über 8.000 Unternehmen, die rund 50.500 steuerpflichtig Beschäftigte zählen, haben hier ihren Firmensitz. Sie arbeiten rund um die Branchenkompetenzfelder Chemie und Kunststoff, Metall, Logistik, Automotive und Recycling. Die verkehrsgünstigen Anbindungen, die gute technische Infrastruktur und die geografische Nähe zur Metropole waren für weltweit tätige Großunternehmen wie Bombardier Transportation, Stahl GmbH, Wall AG, TAKEDA GmbH und ORAFOL Europe GmbH ausschlaggebende Gründe, sich für diesen Standort zu entscheiden. ORAFOL aus Oranienburg ist Weltmarktführer in der Folien-Branche und stellt reflektierende Materialien für Verkehrsschilder, Sicherheitsbekleidung und Fahrzeuge, Klebebänder sowie Verpackungs- und Sicherheitsfolien her. Aber auch kleine und mittelständische Firmen mit großem Innovationspotenzial – wie beispielsweise das Hennigsdorfer Unternehmen EMOTEC AG – schätzen diese Standortfaktoren, zu denen aktuell ein weiterer kommt: Der Landkreis bietet Unternehmen Raum für ihre Vorhaben in direkter Nachbarschaft zur Hauptstadt, in der Gewerbeflächen immer knapper und teurer werden. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Landkreis ist die Landwirtschaft, die annähernd 40 Prozent der Fläche des Kreises bewirtschaftet. "

Mit Luise Henriette, der Kurfürstin von Brandenburg (1627-1667), auf einem Rundgang durch den Oranienburger Schloßpark – Foto: Annett Ullrich

Der Bevölkerungszuwachs war in Oberhavel in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich hoch. Die steigenden Zahlen sind vor allem auf Zuzüge aus Berlin zurückzuführen. Ergänzend zu den klassischen Industrien sind neue Bereiche wie die Biotechnologie entstanden. So hat beispielsweise Thermo Fisher/BRAHMS AG ihren Sitz im „Biotech-Bogen“ in Hennigsdorf. Der nördliche Teil des Landkreises mit seinem traditionellen Industriestandort Zehdenick ist im Bereich Mikroelektronik und Automotive durch die ZIMK GmbH bekannt. Die meisten der über 40 Gewerbegebiete des gesamten Landkreises Oberhavel befinden sich im Regionalen Wachstumskern (RWK) Oranienburg – Hennigsdorf – Velten. Seit 14 Jahren ziehen die drei Städte wirtschaftlich an einem Strang. Allein schon die Verkehrsanbindung ist unschlagbar, vor der Haustür liegen der nördliche Berliner Ring (A10), der Zubringer nach Berlin (A111), Regional-Express und Berliner SBahn (30 Minuten bis Berlin-Hauptbahnhof), der Flughafen Berlin-Tegel und der Binnenhafen Velten am Oder-Havel-Kanal. Das schätzen traditionelle Unternehmen der Region genauso wie Start-ups und Firmen im Bereich der Life Sciences. Der Biotech-Standort hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der führenden in Berlin-Brandenburg entwickelt. Neben dem in Oranienburg ansässigen Pharmaunternehmen TAKEDA und weiteren Mittelständlern konzentriert sich ein Großteil der Unternehmen aus den Life Sciences-Branchen im Innovationsforum Hennigsdorf. Kurzum: ein Landkreis, der eine starke wirtschaftliche Stimme hat. Davon überzeugten sich auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der MIRKOKonferenz.

Grow Wild

Die Mitteldeutsche Regionalkonferenz (MIRKO) der Wirtschaftsjunioren wurde in diesem Jahr vom Kreisverband Oberhavel organisiert. Voller Elan bewies die junge Wirtschaft, dass sie die Zukunft des Landkreises gestaltet. Grow Wild – Wild Wachsen! Unter diesem Motto stellten die Wirtschaftsjunioren von Oberhavel (OHV) ein attraktives Konferenzprogramm zusammen.

Die Wirtschaftsjunioren Oberhavels – Foto: Andreas Herz

Die über 300 Teilnehmer, die vornehmlich aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen anreisten, waren begeistert von der großen Programmfülle, die einmal mehr zeigte, wie vielseitig die Wirtschaft und das Kultur- und Freizeitangebot in Oberhavel sind. Die Wirtschaftsjunioren (WJ) sind ein deutschlandweit organisiertes Netzwerk, das junge Unternehmer sowie Fach- und Führungskräfte vereint und global vernetzt. Wer hier mitmacht, engagiert sich im Beruf und will auch darüber hinaus etwas bewegen. Die WJ aus OHV haben in den letzten drei Jahren viel bewegt. Ihre Mitgliederanzahl haben sie von 5 auf fast 70 erhöht. Davon sind fast 90 % Unternehmer unter 40 Jahren. Sie organisieren neben ihrem Beruf Kaminabende und Weiterbildungsworkshops. Zudem wirken sie mit bei der Berufs- und Bildungsmesse youlab und stellen in diesem Jahr zum 8. Mal die EMotion, eine innovative Fahrzeugmesse auf dem Schloßplatz Oranienburgs, auf die Beine. Darüber hinaus engagieren sie sich auf verschiedenste Weisen politisch, gesellschaftlich und sozial, was den Bürgermeister Oranienburgs, Alexander Laesicke, feststellen ließ: „An den Wirtschaftsjunioren aus Oberhavel kommt man nicht mehr vorbei.“ Damit dieses – und vor allen Dingen so eine große Konferenz wie die MIRKO – gelingen kann, gibt es für die Mitglieder eine Pflicht zur aktiven Teilnahme am Vereinsleben. „Denn wie wollten wir erfolgreich werden, wenn die Hälfte unserer Mitglieder zu Hause bleibt?“, bekräftigte Markus Hussner, der in diesem Jahr amtierende Kreissprecher, diese Vereinsregel.

Gemeinsam haben die fast 70 Mitglieder über ein Jahr lang an dem 3-tägigen MIRKO-Programm aus Workshops, Seminaren, Sport- und Kulturevents gearbeitet. Besonders beliebt war der Stadtrundgang mit der Kurfürstin Luise Henriette von Oranien-Nassau. Schon im 17. Jahrhundert, das wurde klar, kamen Regionen nicht ohne wirtschaftlich- innovativen Impetus aus. Heute hat wirtschaftlichen Erfolg der, der auch alte Dinge neu denken kann und sie mit einer smarten Geschichte und agilen Teams zu einem ganz besonderen Produkt macht. Über das Storytelling und die agilen Teams ohne Regeln bei Einhorn berichtete Markus Wörner, Marketing- und Vieles-Andere-Macher bei dem Berliner Start-up, das vegane Kondome herstellt.

Mit der Generalsekretärin der FDP, Linda Teuteberg, konnten die jungen Chefs über das aktuelle politische Zeitgeschehen und die notwendigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen diskutieren. In das Reich der Absurdität verwiesen sowohl die Unternehmer als auch die Politikerin die neu entfachte Debatte um die Eigentumsfrage, als eine Grundfeste unseres wirtschaftlichen Systems. Denn wirtschaftlicher Erfolg ist nur möglich, wenn der Risikoträger und damit der Eigentümer weiß, dass sich der Einsatz lohnt. Enteignungen seien hier der falsche Weg, wie es auch die Geschichte bewiesen habe.

Carbashing auf dem Schrottplatz der Ernst-Recycling GmbH – Foto: Annett Ullrich

Sportlich ging es zu am Bernsteinsee von Velten, wo die jungen Wirtschaftler ihr Gleichgewicht beim Wasserski trainieren konnten. Den Fallschirmtandemsprung bei GO JUMP in Gransee trauten sich nur wenige Konferenzteilnehmer. Aber für jene, die dabei waren, war es ein atemberaubendes Erlebnis. Beim Car Bashing auf dem Schrottplatz der Ernst-Recycling GmbH überwog der Spaßcharakter, denn hier konnte jeder seiner Energie freien Lauf lassen. Daniel Schiffmann, selbst Mitglied der Wirtschaftsjunioren im Kreisverband Potsdam, genießt jedes Jahr die Teilnahme an den Konferenzen. „Es gibt immer ein hervorragendes Seminarprogramm, ich kann tolle Leute treffen, mich gut vernetzen und über den eigenen Horizont hinausschauen. Außerdem hält es mich jung, mit jüngeren Leuten zusammen zu sein und meine Erfahrungen als Unternehmer weiterzugeben.“ Auch Vertriebsingenieur Jesco Lippert aus Hanau besuchte die MIRKO. „Ich hatte ohnehin zu dieser Zeit in Berlin zu tun. Als WJ-ler ist man schließlich in allen Kreisen willkommen und kommt leicht mit den anderen ins Gespräch.“

Den fulminanten Höhepunkt dieses WJWochenendes bildete die Gala in der Taschenschirmhalle des Oranienwerkes, dem neuen Kultur- und Kreativstandort Oranienburgs. Früher befand sich hier das VEB Kaltwalzwerk mit mehreren Werkstätten und einer Produktion für Regenschirme.

Landrat Ludger Weskamp und der Brandenburger Staatssekretär für Wirtschaft, Hendrik Fischer, würdigten gleichermaßen in ihren Ansprachen das wirtschaftliche und soziale Engagement der jungen Unternehmer. Denn allein für die Inszenierung der Taschenschirmhalle, die an diesem Abend in festlichem Glanz erstrahlte, investierten die Wirtschaftsjunioren Oberhavels viele Stunden ihrer Freizeit. Etliche Abende und Wochenenden waren nötig, um die Halle zu entrümpeln und ihr ein strahlend-weißes Antlitz zu geben.

Peter Heydenbluth, Präsident der IHK Potsdam, zeigte sich voller Bewunderung für die Wirtschaftsjunioren Oberhavels. „Es sind die Unternehmen, die den Wohlstand vorantreiben, von dem dann alle profitieren können. Und es ist eben gerade die junge Wirtschaft, die vielfach das unternehmerische Risiko trägt und es mit Mut und Unternehmergeist in wirtschaftlichen Erfolg für Oberhavel verwandelt.“ So wie Gerrit Gugat, der 2014 die ROWI GmbH übernahm und 2018 die Nachfolge in der Wilfried Rom GmbH antrat. Beide Unternehmen sind in der Gebäude- und Grünflächenpflege tätig. Der 29-Jährige wurde auf der Gala in Kooperation mit der Märkischen Oderzeitung als bester Jungunternehmer Oberhavels geehrt. Für ihr besonderes ehrenamtliches Engagement erhielt Jenny Riedel den Sonderpreis. Die 34-Jährige, die eine Büroservice-Agentur führt, setzt sich für die Integration von Behinderten in Unternehmen ein und geht dabei mit gutem Beispiel voran. Die Goldene Ehrennadel des Landesverbandes der Wirtschaftsjunioren ging an Jens Stein für sein Projekt „Die Schule der Löwen“. Analog zur ähnlich lautenden Fernsehsendung werden hier Schüler und deren unternehmerisches Talent gefördert. Und wenn die Ideen der Schüler gut sind, werden sie von den Wirtschaftsjunioren unterstützt. Wer erfolgreich ist, der soll auch feiern. Bei einem Streetfood- Buffet von Christian Haferkorn ließ es sich den Abend über noch trefflich netzwerken. Die Rhythmen der Band luden zum Tanzen ein. Stolz können die Wirtschaftsjunioren Oberhavels auf eine rundum gelungene Konferenz zurückblicken, das Feedback der Teilnehmer war durchweg positiv.

Familienfreundlich, grün und erlebnisreich

Das Programm der Mitteldeutschen Regionalkonferenz (MIRKO) ließ auch genügend Raum, um die Region kennenzulernen, die in Sachen Lebensqualität, insbesondere mit einem familienfreundlichen Wohn- und Arbeitsumfeld, überzeugt. Wohnen, Arbeiten und Erholen in einer großartigen Kulturlandschaft.

Die vielen Angebote in den Bereichen Wohnen, Schule, Kultur, Freizeit und Erholung machen den Landkreis zu einer boomenden Region. Begehrte Wohnlagen sind natürlich die berlinnahen Städte und Gemeinden. Wer es aber ruhiger mag, findet weiter nördlich Raum für seinen persönlichen Lebensplan mit Wald und Seen oft vor der Haustür. In Oberhavel gibt es 71 Schulen, zehn davon in freier Trägerschaft. Angehende Fachkräfte lernen an der Landwirtschaftsschule Oranienburg-Luisenhof, einer modernen Bildungseinrichtung für den ländlichen Raum mit einer langen Tradition, und an der Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe Oberhavel (AGUS), die die Oberhavel Kliniken GmbH am Standort Oranienburg betreibt.

Peter Heydenbluth, Präsident der IHK Potsdam – Foto: Annett Ullrich

Landschaftlich prägt die namensgebende Havel die Region, die wie ein blaues Band den Landkreis mit ihren Kanälen und Seen durchzieht. Sie prägt das Antlitz Fürstenbergs, Zehdenicks, Liebenwaldes, Oranienburgs und Hennigsdorfs. Mit mehr als 2.000 Kilometer zum Teil geheimnisvoll verschlungenen Wasserwegen ist die Region ein Paradies für Wasser- und Naturfreunde, die schilfgesäumte Ufer, Seerosenteiche, Sümpfe und Moore, aber auch abwechslungsreiche Moränengebiete, ausgedehnte Naturlandschaften, Heideland und urige Buchen-, Misch- und Kiefernwälder hat.

In die Geschichte der Region führen Museen wie der Ziegeleipark Mildenberg sowie zahlreiche Schlösser und Herrenhäuser, allen voran das Schloss Oranienburg, ältestes Barockschloss der Mark Brandenburg. Schloss Meseberg bei Gransee schafft es regelmäßig in die Schlagzeilen der großen Politik. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen erinnern an dunkle Zeiten und mahnen die heute Lebenden.

Wer die Region entdecken will, findet auf der Deutschen Tonstraße eine empfehlenswerte Tour, auf einem Rundweg von 215 km Länge von Süden nach Norden durch Oberhavel und das Ruppiner Seenland. Einzelne Stationen präsentieren die traditionsreiche Geschichte der Tonund Keramikproduktion in der Region. Da warten auch noch der 66-Seen-Wanderweg, der Europäische Fernwanderweg E 10, rund 400 abwechslungsreiche und gut ausgebaute Radfahr-Streckenkilometer, darunter der Radfernweg Berlin- Kopenhagen … viele Entdeckungen zwischen Metropole und Naturidyll.


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